Momente: Am Meer

"Wenn ich lange genug aufs Meer schaue, werde ich ruhig. Das Meer reinigt den Kopf und wirkt antiseptisch auf jedes verkrustete Denkmuster und all die schwer erworbenen Narben, die man neben der Erfahrung mit sich führt. Der Himmel und die See schießen aufeinander zu, als wären sie rasch heranwachsende Kinder. Alles wächst gegeneinander. Man zweifelt an der Unschuldsvermutung für die Natur, wenn die Wellen sich an den Schiffen aufranken wie gierige Kletterpflanzen. Die Luft liegt in Wehen und die aufgerissenen Wolken gebären Wind. Die Wellen brechen übereinander und übereinander herein. Ästhetik ist hier ein Gesetz und keine Tugend. Wir schippern fröhlich durch die Peristaltik der Welt, die sich selbst verdaut im süßen Nektar und im Salzgesöff. Was bleibt, ist das nackte Leben und ein kindliches Gefühl der Freiheit". (Valerie Fritsch)

Lesestoff*:

Valerie Fritsch: Die Welt ist meine Innerei. Reisebriefe und Bilder