Momente: Wo war ich?

"Jede Reise, die man beschreibt, beginnt mit der Frage: Wo war ich? Im Doppelsinn: Wo wurde der Erzählfaden des alltäglichen Lebens unterbrochen, und wie findet man heraus, wo man wirklich war?" (Roger Willemsen)

Momente: Am Meer

"Wenn ich lange genug aufs Meer schaue, werde ich ruhig. Das Meer reinigt den Kopf und wirkt antiseptisch auf jedes verkrustete Denkmuster und all die schwer erworbenen Narben, die man neben der Erfahrung mit sich führt. Der Himmel und die See schießen aufeinander zu, als wären sie rasch heranwachsende Kinder. Alles wächst gegeneinander. Man zweifelt an der Unschuldsvermutung für die Natur, wenn die Wellen sich an den Schiffen aufranken wie gierige Kletterpflanzen. Die Luft liegt in Wehen und die aufgerissenen Wolken gebären Wind. Die Wellen brechen übereinander und übereinander herein. Ästhetik ist hier ein Gesetz und keine Tugend. Wir schippern fröhlich durch die Peristaltik der Welt, die sich selbst verdaut im süßen Nektar und im Salzgesöff. Was bleibt, ist das nackte Leben und ein kindliches Gefühl der Freiheit". (Valerie Fritsch)

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Momente: Wo auch immer

*Immer da, wo du bist, bin ich nie", singt der großartige Sven Regener ganz entspannt. Keine Ahnung, ob er dabei an Orte der Sehnsucht gedacht hat. Aber das trifft es schon ganz gut - das Sehnen, das Suchen, die Sucht, Orte mit Suchtpotenzial. Die uns ganz nah sind oder aber in weiter Ferne liegen. Dort, wo sich die vielen Farbnuancen der Sonne zeigen, wie sie unbeirrt über dem Meer aufsteigt oder sich in die Nachtstunden verabschiedet. Dort, wo die Laufschuhe sich vom weichen Waldboden wegdrücken und jeder Baum wie eine kulturelle Schöpfung wirkt. Dort, wo die frische Bergluft die Sonne stärkt und den Gedankenballast fortträgt. Dort, wo der warme Sommerwind die Leichtigkeit des Seins am Ufer des Sees einkehren lässt. Dort, wo kulinarische Freuden den Alltag in Vergessenheit geraten lassen. Und dort, wo Musik die Sinne betört - und zum Inbegriff der vielen Spielarten der Sehnsucht wird. Wo auch immer wir diese verorten.* (Wolfgang Fercher)

Momente: Aufs Wasser schauen

"Ich habe die Tür des Autos aufgemacht, mich hingesetzt, aufs Wasser geschaut. Und auf die wiederkehrende Frage: Was machst du, wenn dir dabei langweilig wird?, habe ich geantwortet: Die Frage ist falsch gestellt. Wenn mich alles andere langweilt, schaue ich aufs Wasser." (gefunden via Süddeutsche Zeitung Magazin)

Momente: Sehnsuchtsorte

"Der Sehnsuchtsort ist immer auch ein Ort, der wehtut. Die Sehnsucht als Sucht, nach der man sich sehnt, die man sucht, ohne hinzusehen, die man sieht, ohne sie zu suchen. Sehnsuchtsorte sind weniger reale als mentale Orte der Selbstvergewisserung: Wer noch spürt, hat nicht vergessen, wer sich erinnert, kennt seinen inneren Kompass. Die chronische Verklärung ist Teil des Konzepts und verdient keine Polemik, sondern bewusste Beachtung: Wie kann das Eis im Freibad zum Sehnsuchtsort werden, wie die Flasche Wein am Strand, wie der smaragdgrüne Fluss im Tessin, den man in Jugendjahren mit offenem Geist inhalierte. Die Erinnerung lässt das Herz schneller schlagen - zugleich, merkwürdig schwer wird es einem um die Brust. Was Sehnsuchtsorte eint, ist ihre Einfachheit, ja Banalität im Grunde. Getragen von der nostalgischen Illusion, etwas im Leben ließe sich festhalten und wiedererleben. Wenn man nur wollte, ja wenn man nur wollte." (Daniel Hadler)

Momente: Berge und ihre Botschaften

Berge können manchmal ganz schön unbequem sein, wie es Reinhold Stecher in seinem Buch so treffend beschreibt: "Sie legen sich sozusagen quer gegen unsere schaumgummigepolsterte Knopfdruckzivilisation, die wir beim Parkplatz zurücklassen. Wer den Berg richtig erleben will, kommt nicht so billig weg. Er lässt dich über fade Moränenhügel wandern, er will dich keuchen hören, er lässt dich müde werden und es macht ihm gar nichts aus, wenn du immer wieder hinter dem nächsten Aufschwung das Ende erwartest. Der Berg liefert unter Umständen zur Abendstimmung Blasen an den Füßen und zum Sonnenaufgang einen Muskelkater. Das Leben in den Bergen ist zwar nicht immer so rau, aber für ein paar Tage oder Wochen holt uns der Berg doch zurück ins einfache Leben - und das ist gut. Wir haben ja sowieso zu viele Genüsse zum Nulltarif - und gerade das entwertet sie. Der Berg holt von dem allen unberührt ein wenig nach, was diese Wohlstandswelt in unserer Formung versäumt: Er verhilft uns zu etwas Frustrationstoleranz, also einfach zur Fähigkeit, im Augenblick auf etwas Angenehmes zu verzichten, weil ein größeres Ziel winkt."

Momente: In die Wolken schauen

"Das Wolkenschauen ist eine vernachlässigte Praxis, stundenlang kann ich in die Luft starren, die epischen Schlachtszenen und aufgebäumten Pferde, die morphischen Dinosaurier und einfachen Herzen beobachten. Ihrer Verwandlung, Auflösung, Unzuverlässigkeit hinterhersehen, denn schließt man die Augen für einen Moment, ist das eine immer schon zum Anderen geworden." (Valerie Fritsch)

Momente: Intensität

"Wie Tristan Garcia in seinem Buch "Das intensive Leben" beschreibt, soll gerade alles intensiv sein - die Arbeit, das Spiel, der Schlaf. Doch Intensität ist ein Ausnahmezustand. Wenn wir versuchen, sie routinierter Machbarkeit zu unterwerfen, verwandelt sie sich in Leistungsdruck, sinnlose Überproduktion und eine schale Kopie ihrer selbst. Echte Intensität ist nicht mehr vom Gleichen, sondern etwas vom anderen. Sie zeigt sich in nächtlichen Schreibräuschen und spontanen Gedichten, in überwältigenden Gefühlen und unerwarteten Naturerfahrungen. Dabei ist sie nicht aktiv, sondern passiv, nicht berechenbar, sondern überraschend und überwältigend." (Ariadne von Schirach)

Momente: Über die Vergänglichkeit

In einer älteren Folge des Hotel Matze war der Schauspieler Lars Eidinger zu Gast. Er sprach dort u.a. auch über Fotografie und sagte: "Ich glaube, es ist ein Missverständnis, dass man mit Fotografie Leben einfangen kann. Das Einzige, was man einfängt, ist der Tod. Und deshalb ist Fotografie auch so aufregend. Denn wenn ich ein Foto mache, sehe ich es mir an und schon ist es ein toter, vergangener Moment". Oder wie Roland Barthes es auch ausdrückte: "Was die Fotografie endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden. Sie wiederholt mechanisch, was sich existenziell nie mehr wird wiederholen können."

Momente: Frühlingslandschaft

"In den letzten Tagen brach die Welt aus der Schale des Winters, taute auf, sonnte sich und schmolz sich frei, hielt sich an Jean Paul, der wusste: Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht. Unter der Winterlandschaft kam die Frühlingslandschaft hervor, die schon ahnen lässt, dass sie irgendwann einen lang ersehnten Sommer in sich birgt." (Valerie Fritsch)

Momente: Natur sein

"...Der Mensch darf also lernen, seine Natur wieder zu sehen, zu spüren, wahrzunehmen. Er IST Natur. Durch und durch. Der Mensch hat seine Natur verdrängt, ausgeschaltet, er will es nicht sehen, weil er selbst mächtig sein, lenken und steuern will und sein Schicksal bestimmen möchte. Er will sich nichts vorschreiben lassen von Ebbe und Flut, Mondstand oder Tag-Nacht-Rhythmus, Pflanzen oder Steinen, Sternen oder Wasser. Darum hat er die Natur zu seinem Fein gemacht, den er besiegen muss. Berge werden nicht mehr erwandert, sondern bezwungen...

 

 

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Momente: Ode an das Gehen

"Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern oder auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen - unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklich werden", schreibt Friedrich Nietzsche. Nachdenkliche Wege - das ist ein schöner Ausdruck.

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Momente: Band der Ungewissheit

"Die leise Zwischenwelt des Nebels hat auf Bildern eine faszinierende Wirkung, im tiefsten Inneren verängstigt sie uns aber. Denn der Nebel ist das Gegenteil dessen, woran wir uns so gerne festklammern: an Gewissheiten, an strahlende Aussichten, an Eindeutigkeiten. Erst wenn sich der Nebel lichtet, atmen wir erleichtert auf und wähnen uns in Sicherheit. Der Nebel ist ein Symbol dafür, dass man nicht alles eindeutig sehen muss, es aber dennoch klar erkennen kann."

(Bernd Melichar)

Momente: There is a crack in everything

"Nach dem Tod von Leonhard Cohen waren über dem Portal des Kinos Ritzy in der amerikanischen Kleinstadt Lindon drei Reihen großer weißer Lettern anmontiert. In der untersten standen sein Name und seine Lebensdaten. In den beiden oberen eine einzige Songzeile: There is a crack in everything, that´s how the light gets in. Auf Deutsch etwa: Durch alles geht ein Riss, so fällt das Licht hinein. Was aber will uns der Mann mit dem schwarzen Filzhut und der sanftmütigen Aura da eigentlich sagen? Wozu ruft er auf? Ganz einfach: zum Widerstand. Zum Widerstand gegen die Hoffnungslosigkeit, egal, welche Kriege, Katastrophen, Populisten und Viren uns noch heimsuchen. Sie werden es tun. Aber wir haben es selbst in der Hand, gerade im Riss, der sich in all dem Kaputten und Zerstörten auftut, den Spalt zu sehen, durch den das Licht einfällt." (Ursula März in der neuen Ausgabe der Zeit)

Momente: Weltreichweitenverkürzung

In einem Interview sprach der Soziologe Hartmut Rosa darüber, wie man ein gelungenes Leben führt. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch den Begriff "Weltreichweitenverkürzung", der gerade für diese Zeit sehr passend erscheint. Er ist der Ansicht, dass wir die ganzen Jahre über permanent versucht haben, unsere Weltreichweite zum Beispiel durch Reisen zu vergrößern. Das Streben gilt der Horizonterweiterung und wir haben eigentlich das zu unserer Definition eines guten Lebens gemacht. Mein Leben wird besser, je mehr Welt ich in Reichweite habe und möglichst viel im Voraus plane. Und jetzt machen wir plötzlich die Erfahrung einer radikalen Raumverkürzung, was die Art, wie wir in Raum und Zeit sind, auch ändern kann. Es kann uns ermöglichen, ein ganz anderes Verhältnis zu unserem Nahraum zu entwickeln.

Momente: Geschichte lebendig machen

Wir leben heute in einer Welt, in der Leistung extrem viel zählt. Von uns wird erwartet, dass wir alles erreichen. Deshalb ist es wichtig, sich davon ein Stück weit frei zu machen: indem man hinausgeht in die Natur. Indem man Orte aufsucht, an denen Geschichte lebendig wird und wo man begreift, dass alles, was uns wichtig erscheint, bald wieder verschwunden sein wird. Hat Alain de Botton gesagt. Und ich finde er hat Recht.

Momente: Almrauschen im Kopf

"Halten Sie sich eine Muschel ans Ohr, hören Sie dann das Meer rauschen? - Ich höre nur ein dumpfes, leises Grollen, das wohl kaum meine Sehnsucht nach peitschenden Wellen stillt. Dieser Sommer hatte aber eine Lektion für mich übrig. Auf einem Almurlaub nahe meiner Haustür habe ich begriffen, dass es nicht die laute Gischt braucht. Meist ist es das Leise, das der Seele Nahrung gibt. Tage ohne Uhr, ohne Pflicht. Nur Herzensstunden und Sterne schauen. Aufstehen mit dem Gefühl "ich muss nicht", Kaffeetrinken bis in die Unendlichkeit, dem knisternden Feuer lauschen.

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Momente: Vom Gehen

*Geht es? Wie geht es? Was geht? Geht was? Auf geht´s! Geht ab! Geht prima. Geht abwärts. Geht nicht mehr. Geht kaputt. Nix geht. Geht verloren. Geht sich aus. Ist ausgegangen. Geht auf den Senkel. Geht durch und durch. Geht gar nicht. Geht´s noch? Geht so weiter. Wie lang geht das noch? Wie soll es denn gehen? Kann es gehen? Geh´- so viele Geh-Worte. Und mit diesen Worten ist noch nicht einmal ein einziger Schritt gegangen. Wie kann das gehen?* (Bertram Weisshaar: Einfach losgehen: Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen)

Momente: Die Sache mit dem Ich

"Ich habe nichts gegen das Reisen, im Gegenteil. Ein junger Mensch soll sich umsehen in der Welt, damit er seinen Platz findet. Das Reisen an sich darf nie aufhören, sonst fällt der Mensch in den Stillstand, das Ziel seiner Reisen aber muss sich ändern.

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Momente: Ich versommere.

"Ab April werden Spaziergänge mit mir zu langwierigen Angelegenheiten, denn ich rieche verloren an jeder Blume, rieche an jeder Blüte, stecke meinen Kopf in jede Dolde, bis meine Begleitung mit einem Blick auf die Uhr fürchtet, dass es nicht nur Bestäubung durch Wind und Tier gibt, aber auch durch Frauennasenspitzen. Ich versommere.

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Momente: Rabiate Sommersehnsucht

"Ich leide ganzjährig an einer immerwährenden rabiaten Sommersehnsucht, die selbst, wenn sie sich erfüllt, nicht kleiner wird. Ich werde unbescheiden. Ich habe nie genug von ihm. Den ganzen Winter warte ich auf den Sommer, seine langen, hellen Tage, die altmodische Hitze, in der sich die Stunden dehnen und man leichter an die Unendlichkeit denkt.

 

 

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Strandleben. Eine Momentaufnahme

Ein Sonntag. Am Himmel türmen sich die Wolken, die Sonne hat sich verkrochen. Ein wenig Abkühlung im Vergleich zu den schweißtreibenden Tage davor. Die Kaffeehäuser sind gut gefüllt. Aus einem Restaurant strömt der Geruch von Knoblauch. Shops bieten Badeanzüge mit floralen Prints und Sonnenhüte an. Viele Verkäuferinnen warten auf Kundschaft, um ihre Sale-Artikel loszuwerden.

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Momente: Nach Innen reisen

Mein sogenanntes "Paradies" ist auf jeden Fall ein Ort in mir. Der Ausgangspunkt schlechthin. Wenn´s dort nicht stimmt, dann stimmt es nirgendwo. Denn erst, wenn ich dort vor Anker liege und mich "geerdet" habe, sprich "runtergekommen" bin, wird das geografische "Paradies" bestimmt. Ich erlaube mir das "Runterkommen" ganz einfach. Das ist ein wesentlicher Entscheid, und diesen zu treffen, hat bei mir lange gedauert. Mir regelmäßig diese Zeit für mich zu nehmen bzw. das halbwegs hinzubekommen, hat mir einiges an Lebensqualität gebracht. Regelmäßig in der Natur unterwegs sein. Mit dem Rad oder zu Fuß. Auch das hilft mir dabei erheblich. Sehr oft alleine oder ausschließlich mit mir lieben und teuren Menschen. Und je nachdem, welche der dann mehr oder weniger "geerdeten" Persönlichkeiten, die in meiner Brust schlummern, die Oberhand hat, ist dieses geografische "Paradies" also ein sehr stimmungsabhängiger Ort. Und dieser kann genauso gut eine Blumenwiese sein wie auch ein Kinosaal oder eine Strandbar, ein Ausflug mit dem Motorroller auf die Weinstraße, eine Konzerthalle oder eine Buschenschank etc. Die Möglichkeiten sind ja unbegrenzt. Aber halt nur gut, wenn´s innen stimmt.

("Sir" Oliver Mally, gefunden in der Kleinen Zeitung vom 13. September 2017)

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Momente: Den Augenblick feiern

In einem Interview mit dem Online-Magazin Chrismon sagt Roger Willemsen, den ich so sehr mag: "Ich will Daseinsfülle festhalten, ich will Bewusstheit steigern. Dazu gehört beispielsweise, dass ich nicht drei Informationen gleichzeitig verfolge: schreiben, Musik hören und parallel Mails checken - das mache ich nicht. Ich besitze auch kein Handy. Ich versuche, dass alles, was ich tue, meine ganze Bewusstheit und Aufmerksamkeit hat: Man kann sich im Wortsinne vergegenwärtigen - man kann sich in die Gegenwart holen. Die Feier des Augenblicks ist der Versuch, der Erde verhaftet zu bleiben. Ich zitiere gern den Satz von Colette, die gegen Ende ihres Lebens sagte: "Eigentlich hatte ich ein wunderschönes Leben, leider habe ich es zu spät gemerkt." Ich will es rechtzeitig merken."

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