Türkisblaues Juwel: Die Slizza-Schlucht in Tarvis

/Things that have almost always been/

Cliffs. Tree ferns. Companionship. Sky. The man in the moon. The sentimentality of sunrises and sunsets. Eternal love. Dizzy lust. Abandoned plans. Regret. Cloudless night skies. Full moons. Morning kisses. Fresh fruit. Oceans. Seas. Tides. Rivers. Lakes as still as mirrors. Faces full of friendship. Comedy. Laughter. Stories. Myths. Songs. Hunger. Pleasure. Sex. Death. Faith. Fire. The deep silent goodness of the observing self. The light made brighter by the dark around it. Eye contact. Dancing. Meaningless conversation. Meaningful silence. Sleep. Dreams. Nightmares. Monsters made of shadows. Turtles. Sawfish. The fresh green of wet grass. The bruised purple of clouds at dusk. The wet crash of waves on slow-eroding rocks. The dark slick shine of wet sand. The gasping relief of a thirst quenched. The terrible, tantalising awareness of being alive. The now that for ever is made of. The possibility of hope. The promise of home. (Matt Haig, Notes on a nervous planet)

Der Weg zur Schlucht beginnt unspektakulär. Ein schmaler Pfad führt durch den Wald, das Licht fällt in flachen Streifen durch die Bäume, und für einen Moment könnte man glauben, es sei einfach nur ein weiterer Spaziergang. Doch dann wird das Rauschen lauter. Und plötzlich öffnet sich der Blick.

 

Die Slizza liegt unter mir – klar, kühl, in diesem fast unwirklichen Türkis, das nur Gebirgswasser kennt. Sie schneidet sich durch helle Felsen, die wirken, als wären sie von der Zeit glatt geschliffen worden. Große Steinblöcke liegen im Wasser, scheinbar wahllos verteilt, und doch fügt sich alles zu einer stillen Ordnung.

 

Ich trete näher ans Geländer. Hier sind weniger Menschen als in anderen Schluchten. Es ist ruhiger. Kein Drängen, kein Stehenbleiben für Fotos. Nur dieses gleichmäßige Strömen, das den Raum füllt, ohne laut zu sein.

Auf Holzstegen wandert man in der Schlucht auch durch einen Tunnel und über verschiedene Treppen
Auf Holzstegen wandert man in der Schlucht auch durch einen Tunnel und über verschiedene Treppen
Die Slizza-Schlucht: Ein einzigartiges Naturjuwel
Die Slizza-Schlucht: Ein einzigartiges Naturjuwel

Ich lehne mich ein wenig nach vorne und folge dem Lauf des Wassers. Es sucht sich seinen Weg – nicht gerade, nicht zielstrebig im üblichen Sinn. Eher tastend. Ausweichend. Und doch kommt es immer voran. Und vielleicht ist es genau das, was mich daran so berührt.

 

Wir sprechen so oft davon, unseren Weg zu finden, als müsste er klar vor uns liegen. Als gäbe es eine Richtung, die man nur erkennen muss. Aber hier sieht man: Der Weg entsteht erst im Gehen. Im Fließen. Im ständigen Anpassen an das, was gerade ist.

 

Ich bleibe stehen und schaue länger hin, als nötig wäre. Das Wasser zieht vorbei, umspielt die Steine, verliert nichts von sich, auch wenn es sich ständig verändert. Und ich frage mich, ob wir manchmal zu sehr versuchen, gleich zu bleiben. Ob wir glauben, uns festhalten zu müssen, um nicht verloren zu gehen. Dabei zeigt doch alles hier das Gegenteil.

 

Am Ausgang der Schlucht führt der Weg über eine Brücke. Ich bleibe in der Mitte stehen. Unter mir das Wasser, über mir nur Himmel zwischen den Baumwipfeln. Für einen kurzen Moment fühlt es sich an, als wäre ich genau dazwischen – nicht festgelegt, nicht gebunden. Einfach nur da. Und seltsamerweise reicht das.

 

Als ich zurückgehe, drehe ich mich noch einmal um. Nicht, weil ich etwas vergessen hätte. Sondern um mir dieses Bild einzuprägen – dieses ruhige Weiterfließen, dieses leise Einverstanden-Sein mit allem, was ist.


 

P.S. Im Ohr: Bon Iver: Holocene

 

 

Das markante Denkmal erinnert an die gefallenen Soldaten während der napoleonischen Kriege
Das markante Denkmal erinnert an die gefallenen Soldaten während der napoleonischen Kriege

Start bzw. Ziel: Parkplatz in der Via Bamberg unterhalb des Bahnhofs Boscoverde

Distanz: etwa 3 Kilometer

Gehzeit: ungefähr 1,5 Stunden

Anreise:

Die Slizza-Schlucht kann auch ab Villach sehr gut mit der Bahn erreicht werden. Der Eingang befindet sich gleich unterhalb des Bahnhofs Tarvisio Boscoverde.

Lost Place: Der alte Bahnhof in Tarvis
Lost Place: Der alte Bahnhof in Tarvis

Lesefutter*:

Georg Lux und Helmuth Weichselbraun: Vergessene Paradiese. Entdeckungen, Ausflüge, Abenteuer im Alpen-Adria-Raum. Die beiden Journalisten haben in ihrem Buch kleine Paradiese gesammelt, die zum Innehalten und Schauen einladen.

 

Matt Haig: Notes on a nervous planet. Ein Buch über die Schnelligkeit, über den Life-Overload und wie er uns alle im Griff hat.

 

Claudia Lux: Kanaltal. Entdecken - Erwandern - Erleben. Ein Streifzug durch das faszinierende und wildromantische Kanaltal.

 

 

Video zur Slizza-Schlucht

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