Die Sprache des Meeres – Eine Reise nach Rijeka und über die Insel Krk bis Baška

Rijeka erreicht man über graue Gleise, durch Tunnel, über Brücken und bei der Ankunft merkt man sofort den Geruch von Salz, Diesel, Meer und dass etwas Unausgesprochenes in der Luft liegt, als würde die Stadt fragen: Was suchst du hier?

Rijeka öffnet sich mir nicht auf den ersten Augenblick, sondern erst nach genauerem Hinsehen. Man merkt, dass die Stadt ihre Identität wie einen Mantel aus vielen Stoffen trägt. Aber zwischen den Fassaden mit bröckelndem Putz, den verrosteten Kränen am Hafen und den Cafès, in denen der Espresso noch immer so stark ist wie der Blick der alten Männer, lauert eine Stille, die nichts mit Abwesenheit zu tun hat. Es ist die Stille der Bewegung eines Flusses, der weiß, dass er ins Meer münden wird, aber sich Zeit lässt, dort anzukommen. 

 

Ich bin gekommen, um das Meer zu sehen, doch das Meer ist hier nur der Anfang. Der wahre Ozean liegt zwischen den Gedanken, die man sich unterwegs macht, und jenen, die man aufzugeben beginnt. Vielleicht ist jede Reise ein Versuch, mit sich selbst Gespräche zu führen - und Rijeka, mit ihrer Mischung aus italienischem Pathos, slawischer Wehmut und industriellem Stolz, ist ein guter Ort dafür. 

Die Stadtstrände von Rijeka: Kein Paradies, aber ein ort, an dem man echt ist.
Die Stadtstrände von Rijeka: Kein Paradies, aber ein Ort, an dem man echt ist

Auf der Promenade weht der Wind, er riecht nach Metall und Pinien, nach Geschichten, die niemand mehr erzählt. Irgendwo läutet eine Kirchenglocke, als wollte sie mich daran erinnern, dass Zeit hier keine Richtung kennt, sondern nur Tiefe. Ich stehe am Kai, sehe hinüber zu den Kränen, die sich gegen den Himmel lehnen wie müde Engel, und denke: Vielleicht beginnt jede Reise dort, wo man aufhört, die Welt schön finden zu wollen – und anfängt, sie wahrzunehmen.

 

Am Nachmittag spaziere ich zu den Stadtstränden. Kein Postkartenblau, kein makelloser Sand. Betonplatten, Treppen, über denen rostige Geländer in den Himmel greifen. Jugendliche springen ins Wasser, lachen, schreien, während alte Männer im Schatten des Betons Karten spielen und an Plastiktassen nippen. Das Meer hier ist ehrlich: kein Ort für Flucht, sondern für Rückkehr.

 

Ich lege mich auf den warmen Stein und sehe hinaus auf die Frachter, die langsam die Bucht verlassen. In ihnen steckt ein Teil dessen, was Rijeka ausmacht – Bewegung trotz Gewicht.


Über die Brücke - vom Denken zum Fühlen

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Bus auf die Insel Krk. Wir überqueren die bekannte Brücke, die sich wie ein Gedanke über das Meer zieht, der endlich zu Ende gedacht wird. Unter ihr der Wind, der pfeift wie eine Erinnerung, die nicht ganz loslässt. Ich sehe hinunter auf das Wasser, das in unruhigen Mustern schimmert, kein Blau, sondern ein bewegliches Grau, ein Meer in Zwischentönen. Hier, wo Land und Wasser sich berühren, stellt sich die Frage: Wo beginnt das Eine, wo endet das Andere?

 

Die Stadt liegt nun hinter mir, das Geräusch der Kräne, der Markt, die Stimmen – alles gedämpft, wie durch Glas. Vor mir beginnt die Insel. Krk ist von jener kargen Schönheit, die sich nicht anbiedert. Das Licht hier ist ehrlicher, es zeigt jede Falte im Gestein, jede Spur des Windes in den Olivenbäumen. 

 

Ich denke an all die Übergänge, die man im Leben zu vollziehen versucht: zwischen Arbeit und Stille, zwischen Denken und Dasein, zwischen dem, was man glaubt zu sein, und dem, was übrig bleibt, wenn das alles abfällt. Vielleicht ist jede Insel das Versprechen einer Rückkehr zu etwas Unverstelltem, nicht zur Unschuld, sondern zu einem Zustand, in dem man nichts erklären muss.

  

Auf Krk riecht die Luft anders. Wärmer, süßer. Am Straßenrand stehen Zypressen, stumm und aufrecht, als wüssten sie, dass Schweigen manchmal die tiefste Form von Sprache ist. Der Weg führt hinunter zum Meer und jedes Mal, wenn der Blick kurz das Wasser berührt, spüre ich, dass ich langsamer werde. Nicht, weil der Weg schwerer wird, sondern weil er mich entschleunigt. Zum ersten Mal seit Tagen denke ich nichts. Ich sehe nur. Und das genügt.

Auf der Insel Krk: Dort, wo Himmel und Wasser eins werden, verliert das Denken seine Richtung
Auf der Insel Krk: Dort, wo Himmel und Wasser eins werden, verliert das Denken seine Richtung

Baska - Am Ende des Weges

Am Nachmittag erreiche ich Baška. Hier sind die Hänge karg, der Wind trägt Salz und Zikadengesang zugleich, und der Strand zieht sich wie eine helle Linie zwischen Felsen und Horizont. Hier, am äußersten Rand der Insel, wirkt alles, als hätte es sich auf das Wesentliche reduziert: Fels, Wasser, Himmel – nichts Überflüssiges, kein Geräusch, das nicht von der Natur stammt. Selbst die Schatten scheinen hier achtsam zu fallen.

 

Ich gehe die Strandpromenade entlang, am Horizont verschwimmen Konturen und der Wind – dieser unermüdliche Begleiter seit Rijeka – hat nun einen anderen Ton.  In einer einsamen Bucht höre ich dem Rauschen des Meeres zu und denke: Vielleicht ist das der Punkt, an dem Reisen endet: wenn man erkennt, dass man angekommen ist, ohne zu wissen, wo. Ich sitze auf einem Felsen, sehe den Himmel dunkler werden, und spüre, wie sich in mir eine leise Ordnung einstellt. Nur das Herz schlägt, wie ein leiser Taktgeber des Augenblicks.


Ein Boot zieht über das Wasser, klein, fast unscheinbar, und verschwindet in der Dämmerung. Es hinterlässt keine Spur. Nur ein Gefühl: dass alles, was vergeht, im Meer aufgehoben bleibt.

Alles, was vergeht, kehrt im Meer als Bewegung zurück
Alles, was vergeht, kehrt im Meer als Bewegung zurück

Lesestoff*:

Manuela Molk: Lieber A.! Reisebriefe und Gedankenflüge: Von Sehnsucht, Stille und der Kunst des Unterwegsseins.