Schritte durch die Jahrhunderte - zu Fuß nach Maria Saal

Der Weg beginnt unspektakulär. Am Rand von Klagenfurt führen schmale Straßen hinaus aus der Stadt, vorbei an Gärten, Feldern und verstreuten Höfen. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Weg seit Jahrhunderten gegangen wird. Er wirkt wie viele Wege in Kärnten: ruhig, ländlich, ein wenig verschlafen. Ich gehe einfach. Schritt für Schritt, wie bei jeder Wanderung.

 

Der Mariazellerweg führt durch eine auf den ersten Blick unspektakuläre Landschaft. Es ist eine Gegend, durch die man gehen kann, ohne viel darüber nachzudenken. Aber vielleicht ist genau das der Sinn solcher Wege: dass sie den Körper beschäftigen, während der Kopf langsam leer wird. Lange Zeit fühlt sich das Gehen nicht nach Pilgern an. Es ist eher eine Wanderung, eine Strecke zwischen zwei Orten.

Erst später verändert sich etwas. Irgendwann taucht auf einem Hügel der Dom von Maria Saal auf. Zwei Türme über dem Dorf, sichtbar über Feldern und Dächern. Von weitem wirkt er größer, als der Ort es erwarten lässt. Man bleibt kurz stehen. Nicht aus religiöser Andacht, sondern aus einem anderen Grund: weil plötzlich klar wird, dass dieser Weg nicht nur eine Route auf einer Wanderkarte ist. Menschen gehen seit Jahrhunderten hierher. Bauern aus den Tälern, Pilger mit Bitten, Reisende mit Fragen, vielleicht auch einfach Neugierige.

 

Der eigene Schritt wird Teil einer älteren Bewegung. Der Weg führt weiter durch das Dorf hinauf zum Dom. Gepflasterte Gassen, enge Häuser, ein kleines Kaffeehaus auf dem Platz davor. Es ist still hier. Nicht die leere Stille eines verlassenen Ortes, sondern die ruhige Stille eines Platzes, an dem die Zeit langsamer geworden ist. Maria Saal wirkt, als hätten mehrere Jahrhunderte beschlossen, hier gleichzeitig zu bleiben.

Maria Saal wirkt an vielen Stellen wie aus der Zeit gefallen
Maria Saal wirkt an vielen Stellen wie aus der Zeit gefallen

Der Platz vor dem Dom ist kleiner, als man ihn sich von unten vorgestellt hat. Ein paar Tische stehen vor einem Kaffeehaus, gegenüber erhebt sich der Dom, schwer und ruhig, als hätte er sich seit Jahrhunderten nicht vom Fleck bewegt. Man merkt schnell, dass hier nicht nur Architektur steht, sondern Zeit. Die Mauern sind älter als vieles, was sich rundherum verändert hat. Und doch wirkt der Platz nicht museal, nicht eingefroren. Das Leben geht weiter, nur in einem anderen Tempo.

 

Ein paar Schritte weiter steht ein Gasthof, wie man ihn in vielen österreichischen Dörfern finden könnte. Schlichte Fassade, eine Tafel mit den Angeboten des Tages, der Duft einer Küche, der auf die Straße zieht. Orte wie dieser sind schwer zu datieren. Sie gehören nicht eindeutig zu einer Epoche. Sie wirken gleichzeitig alt und gegenwärtig, als hätten sie gelernt, sich unauffällig durch die Jahrzehnte zu bewegen.

 

Weiter oben liegt der Tonhof. In der Mitte des 20. Jahrhunderts trafen sich dort Künstler, Schriftsteller, Musiker – Menschen, die einen stillen Ort suchten, um zu arbeiten und zu denken. Auch das ist eine der Schichten dieses Dorfes. Neben der mittelalterlichen Kirche und den bäuerlichen Häusern existiert hier auch eine Geschichte der Kunst und der Gespräche. Man geht nur ein paar hundert Meter, und doch fühlt es sich an, als würde man durch verschiedene Zeiten wandern.

 

Vielleicht liegt darin das Geheimnis solcher Orte. Sie entwickeln sich langsamer als Städte. Neue Zeiten kommen hinzu, ohne die alten ganz zu verdrängen. Statt einer einzigen Gegenwart entsteht etwas anderes: eine Art Gleichzeitigkeit.

 

Beim Gehen durch die schmalen Gassen von Maria Saal hat man manchmal den Eindruck, als wäre Zeit hier kein Strom, der weiterfließt, sondern eher ein ruhiger See. Verschiedene Jahre, Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte liegen übereinander, wie Schichten im Wasser.

Wenn man eine Weile durch Maria Saal gegangen ist, stellt sich eine leise Frage: Warum sind Menschen überhaupt hierher gekommen? Über Jahrhunderte war dieser Ort ein Ziel für Pilger. Menschen gingen zu Fuß über Täler und Hügel, manchmal Tage oder Wochen lang. Sie kamen mit Bitten, mit Sorgen, mit Dankbarkeit. Für sie war der Weg kein Spaziergang, sondern eine Bewegung mit Bedeutung.

 

Heute ist der Weg oft eine Wanderung. Man folgt Markierungen, schaut auf die Karte, denkt an Kilometer und Pausen. Der Körper arbeitet, der Kopf wird ruhig, und irgendwann taucht ein Ziel auf. In diesem Fall der Dom auf dem Hügel. Und doch passiert unterwegs etwas Merkwürdiges.

Je länger man geht, desto unwichtiger werden die Unterschiede zwischen Wandern und Pilgern. Der Schritt bleibt derselbe. Der Rhythmus des Gehens verändert sich kaum. Was sich verändert, ist eher die Aufmerksamkeit.

 

Beim Wandern schaut man auf Landschaften. Beim Pilgern beginnt man manchmal, auf den Weg selbst zu achten. Vielleicht liegt darin die eigentliche Nähe zwischen beiden Formen des Gehens. Der Körper kennt keinen Unterschied zwischen spiritueller Suche und einem langen Spaziergang. Er kennt nur Bewegung, Atem, den nächsten Schritt.

 

Als ich von Klagenfurt nach Maria Saal gegangen bin, war der Weg zunächst einfach eine Strecke durch Kärnten. Felder, kleine Straßen, ein paar Hügel. Erst als der Dom auftauchte, wurde mir bewusst, dass ich auf einem Weg unterwegs war, den viele andere schon gegangen waren. Nicht gestern oder vorgestern, sondern vor Jahrhunderten. Der Gedanke verändert den Ort ein wenig. Die Straße bleibt dieselbe, das Pflaster ebenso. Aber plötzlich wirkt der eigene Schritt weniger allein.

Unterwegs am Mariazeller Weg von Klagenfurt nach Maria Saal
Unterwegs am Mariazeller Weg von Klagenfurt nach Maria Saal

Vielleicht ist das der Moment, in dem Wandern leise in Pilgern übergeht. Nicht, weil man ein religiöses Ziel erreicht hat. Sondern weil man merkt, dass man Teil einer Bewegung geworden ist, die lange vor einem begonnen hat. Der Weg endet auf dem Platz vor dem Dom. Menschen sitzen im Kaffeehaus, Gläser klirren, irgendwo öffnet sich eine Tür. Alles wirkt ruhig und alltäglich. Und doch bleibt ein Gedanke zurück. Dass jeder Schritt auf solchen Wegen nicht nur durch Landschaft führt, sondern auch durch Zeit.

Als ich Maria Saal später wieder verlasse, führt derselbe Weg zurück durch die Gassen und hinaus in die Landschaft. Der Dom verschwindet langsam hinter den Häusern, dann hinter den Hügeln. Der Weg ist wieder nur ein Weg. Und doch fühlt sich der Schritt ein wenig anders an als am Morgen. Vielleicht, weil man inzwischen weiß, dass Gehen nie ganz nur Gegenwart ist. Jeder Weg ist schon einmal gegangen worden. Jeder Schritt berührt Spuren, die längst vergangen sind.

 

Vielleicht ist das der eigentliche Gedanke des Pilgerns. Nicht, dass man ein Ziel erreicht. Sondern dass man unterwegs merkt, wie viele Menschen vor einem schon gegangen sind – und wie still ihre Schritte noch immer im Weg liegen.

Lesestoff*:

Rebecca Solnit: Wanderlust. Eine Art „Bibel des Gehens“. Solnit verbindet Geschichte, Philosophie und persönliche Beobachtung und zeigt, warum Gehen immer auch Denken ist.

 

W.G.Sebald: Die Ringe des Saturn. Ein Spaziergang durch England wird zu einer Meditation über Geschichte, Erinnerung und Vergänglichkeit.

 

Robert Walser: Der Spaziergang. Eine kurze, poetische Erzählung, die komplett aus einem Spaziergang besteht - voller Abschweifungen, Gedanken und Beobachtungen. 

 

 

Filmtipp*:

Dein Weg (2020): Ein Mann geht den Jakobsweg, ursprünglich nicht aus religiösen Gründen, sondern aus einem sehr persönlichen Anlass. Unterwegs trifft er andere – jeder mit eigener Geschichte, eigenen Motiven.

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