Wolfgangsee in Moll

Als ich in Strobl ankomme, hängt der Himmel tief über dem Wolfgangsee. Der Regen hat längst aufgehört, sich Mühe zu geben, freundlich zu wirken. Er fällt gleichmäßig, kühl und ausdauernd auf die Dächer, die Bäume und den stillen See.

Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich überhaupt losgehen soll. Aber manchmal wäre Umkehren nur eine andere Form von Verpassen. Also ziehe ich die Kapuze tiefer ins Gesicht und mache mich auf den Weg zum Bürglsteinweg.

Der Pfad führt dicht am Wasser entlang. Die Äste der Bäume hängen schwer vom Regen über den Weg, und zwischen den Blättern schimmert immer wieder der See hervor – grau, glatt und beinahe bewegungslos. Kein Postkartenblau heute. Keine Segelboote. Keine Sommerleichtigkeit. Und gerade deshalb ist es schön.

Der Seerosenplatz - ein Platz für Ruhesuchende und Genießer.
Der Seerosenplatz - ein Platz für Ruhesuchende und Genießer.
Der Bürglsteinweg ist ein besonderer Kraftweg.
Der Bürglsteinweg ist ein besonderer Kraftweg.

Der Regen verändert die Landschaft. Alles wirkt leiser, näher bei sich selbst. Die Farben sind dunkler, satter. Das Moos auf den Steinen leuchtet plötzlich in einem kräftigen Grün, und die Luft riecht nach nasser Erde und Holz. Ich begegne kaum jemandem. Nur einmal kommt mir ein älteres Paar entgegen, beide in viel zu großen Regenjacken, schweigend nebeneinander gehend. Sie lächeln kurz, als würden wir alle stillschweigend verstehen, dass dieser Weg heute denen gehört, die trotz des Wetters gekommen sind.

An einer Stelle bleibt der Blick über den See besonders lange offen. Die Berge auf der anderen Seite verschwimmen halb im Nebel, als wären sie nicht ganz entschieden, ob sie sichtbar sein wollen oder nicht. Regentropfen ziehen kleine Kreise auf die Wasseroberfläche – tausende gleichzeitig, ohne Eile, ohne Ziel.

 

Ich bleibe stehen und sehe ihnen zu.

 

 

Vielleicht mögen wir Menschen Regen deshalb oft nicht, weil er uns langsamer macht. Weil er verhindert, dass wir einfach vorbeihasten. Unter Regen schaut man genauer hin. Man spürt mehr. Den kalten Stoff auf der Haut. Die feuchte Luft. Die eigenen Schritte. Und plötzlich ist man wieder im Moment. Nicht später. Nicht gestern. Einfach hier.

Irgendwann sammelt sich Wasser in meinen Schuhen. Jeder Schritt macht inzwischen ein leises schmatzendes Geräusch, und ich muss darüber lachen. Früher hätte mich so etwas wahrscheinlich genervt. Heute fühlt es sich eher an wie ein Beweis dafür, wirklich dort gewesen zu sein. Nicht nur körperlich, sondern ganz.

Als wir den Weg langsam zurückgehen, wird der Regen schwächer. Über dem See wird es ein wenig heller, als würde der Himmel vorsichtig überlegen, ob er den Tag doch noch freigeben möchte. Aber ich glaube, das Schönste lag ohnehin genau in diesem Grau. In dieser stillen, verregneten Stunde zwischen Wasser, Wald und Gedanken. Und vielleicht auch darin, einmal nirgendwo trocken ankommen zu müssen.

Lesefutter*:

Manuela Molk: Lieber A.! Reisebriefe und Gedankenflüge. Von Sehnsucht, Stille und der Kunst des Unterwegsseins.

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