Unterwegs in Graz oder wann sollten wir gestalten und wann genügt es, aufmerksam zu sein?

Manchmal braucht es keine weite Reise, sondern nur zwei Orte und einen kurzen Weg dazwischen. In Graz liegen das Schloss Eggenberg und der Botanische Garten nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Trotzdem trennen sie Welten oder besser gesagt: zwei Arten, auf das Leben zu blicken.

Ich ahne das noch nicht, als wir die Schlossanlage betreten. Schon der erste Eindruck ist überwältigend. Das Schloss erhebt sich mit einer Ruhe, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Alles wirkt ausgewogen, symmetrisch und wohlüberlegt. Hier scheint jeder Stein seinen Platz zu kennen.

 

Kein Wunder. Schloss Eggenberg ist weit mehr als eine prachtvolle Residenz. Es wurde als Sinnbild einer geordneten Welt entworfen. Architektur, Zahlen und Symbolik greifen ineinander wie Zahnräder eines Uhrwerks. Wer hier baut, überlässt nichts dem Zufall.

Während wir die Anlage erkunden, denke ich unwillkürlich an unsere Gegenwart. Wir führen digitale Kalender, setzen uns Jahresziele, zählen Schritte, Schlafstunden und Kalorien. Wir planen Karrieren, Urlaube und manchmal sogar spontane Momente. Kontrolle ist längst zu einer eigenen Währung geworden.

Das ist keineswegs schlecht. Wer sein Leben ein wenig ordnet, gewinnt Zeit, Orientierung und Sicherheit. Ohne Planung gäbe es keine Universitäten, keine Krankenhäuser, keine funktionierenden Städte – und vermutlich auch keine so beeindruckenden Schlösser.

 

Doch irgendwann frage ich mich, ob das Leben wirklich so berechenbar ist, wie wir es gern hätten. Mit dieser Frage gelange ich in den Schlosspark. Dort wartet eine Überraschung, die im Schatten des Schlosses fast ein wenig übersehen wird: der Planetengarten.

 

Auf den ersten Blick wirkt er wie ein weiterer schön angelegter Garten. Doch je länger ich mich darin aufhalte, desto deutlicher wird seine eigentliche Idee. Wege, Pflanzen und Gestaltung erzählen von den Planeten, ihren Bahnen und der Ordnung des Kosmos.

 

 

Es ist eine andere Art von Ordnung als jene im Schloss. Die Architektur vermittelt den Eindruck, der Mensch könne die Welt gestalten. Der Planetengarten erinnert daran, dass wir selbst Teil einer viel größeren Ordnung sind. Seit Jahrhunderten beobachten Menschen den Himmel, berechnen Umlaufbahnen und entschlüsseln Rhythmen. Wir können sie verstehen, aber wir können sie nicht bestimmen.

Vielleicht gilt genau das auch für unser eigenes Leben. Wir treffen Entscheidungen, schmieden Pläne und setzen Prioritäten. Doch vieles verdanken wir Umständen, Begegnungen oder glücklichen Zufällen. Freundschaften lassen sich nicht terminieren. Liebe folgt keinem Projektplan. Die besten Ideen erscheinen oft dann, wenn wir gerade aufgehört haben, nach ihnen zu suchen.

 

Mit diesem Gedanken fahren wir weiter zum Botanischen Garten der Universität Graz. Schon beim Betreten verändert sich die Atmosphäre. Die Luft wird feuchter, das Licht weicher. Zwischen Farnen, Palmen und Kakteen scheint die Zeit langsamer zu vergehen.

 

 

Natürlich ist auch dieser Garten geplant. Wege führen die Besucher, Pflanzen sind beschriftet, Gewächshäuser schaffen ideale Bedingungen. Und doch spürt man sofort den entscheidenden Unterschied.

Eine Reise in die Welt der Pflanzen: der Botanische Garten in Graz
Eine Reise in die Welt der Pflanzen: der Botanische Garten in Graz

Hier wächst nichts, weil jemand es anordnet. Es wächst, weil Leben sich entfalten will. Ein Farn rollt vorsichtig seine jungen Blätter auseinander. Eine Orchidee blüht nicht nach Kalender, sondern dann, wenn ihre Zeit gekommen ist. Ein alter Baum kümmert sich herzlich wenig darum, welche Erwartungen Menschen an ihn haben.

 

Die Gärtnerinnen und Gärtner leisten Beeindruckendes. Sie pflegen, schützen, beobachten und schaffen günstige Bedingungen. Aber sie können Wachstum nicht befehlen. Das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen einem Gebäude und einem Garten.

 

Ein Schloss entsteht nach Plan. Ein Garten antwortet auf Pflege, aber immer auf seine eigene Weise. Während ich durch die Gewächshäuser schlendere, frage ich mich, ob wir Menschen manchmal zu viel Energie darauf verwenden, unser Leben kontrollieren zu wollen. Wir optimieren Abläufe, vergleichen uns mit anderen und möchten am liebsten schon heute wissen, wo wir in zehn Jahren stehen werden. Gleichzeitig entstehen viele der schönsten Dinge gerade dort, wo wir sie nicht erzwingen.

 

Vertrauen ist eines davon. Gelassenheit ebenfalls. Und vielleicht sogar Glück. Das bedeutet keineswegs, Pläne über Bord zu werfen. Ein Garten zeigt schließlich, dass Freiheit nicht das Gegenteil von Ordnung ist. Ohne Pflege verwildert vieles, ohne Aufmerksamkeit vertrocknet manches. Aber gute Gärtner wissen auch, wann sie eingreifen und wann sie einfach wachsen lassen müssen.

 

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst. Nicht alles kontrollieren zu wollen. Aber das, was in unserer Hand liegt, mit Sorgfalt zu gestalten.

Am Abend denke ich noch einmal an diese drei Orte. Das Schloss erzählt von der Kraft menschlicher Gestaltung. Der Planetengarten erinnert daran, dass unser Leben Teil eines größeren Ganzen ist. Der Botanische Garten schließlich zeigt, dass Leben dort am besten gedeiht, wo gute Bedingungen auf Geduld treffen.

Zwischen diesen drei Bildern scheint sich auch eine Antwort auf meine eingangs gestellte Frage zu verbergen. Ein erfülltes Leben braucht Kontrolle, aber nicht als Selbstzweck.

Es braucht Strukturen, die tragen, Entscheidungen, die Orientierung geben, und Ziele, die uns in Bewegung halten. Ebenso braucht es den Mut, nicht jede Wendung vorhersehen zu wollen. Vertrauen darauf, dass manche Begegnungen, Ideen und Entwicklungen ihren eigenen Rhythmus haben.

 

Vielleicht besteht die wahre Kunst des Lebens deshalb darin, beides miteinander zu verbinden. Mal Architekt zu sein. Mal Astronom. Und manchmal einfach Gärtner.

Lesestoff*:

Robert Harrison: Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen. Harrison beschreibt Gärten nicht als gezähmte Natur, sondern als Orte des Dialogs. 

 

Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod. Gospodinov arbeitet oft mit Gärten, Erinnerung und Zeit als Metaphern. Seine Texte zeigen, dass Gärten nie nur Pflanzen beherbergen, sondern immer auch Geschichten.

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