Die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estés ist ein Buch, das dazu auffordert, innezuhalten, Märchen neu zu betrachten und sich Fragen zu stellen, die im Alltag oft untergehen. Gerade deshalb hat mich das Buch tief berührt.
Estés liest Märchen nicht als historische Zeugnisse oder moralische Erzählungen. Sie liest sie wie Landkarten der Seele. Ihre Figuren sind weniger Menschen als innere Landschaften, ihre Geschichten weniger Handlung als Erinnerung daran, dass in jedem von uns etwas lebt, das sich weder vollständig erklären noch zähmen lässt.
Am tiefsten berührt hat mich das Märchen von der Robbenfrau. Die Robbenfrau lebt ein Leben, das von außen betrachtet vollkommen erscheint. Sie liebt, sorgt, erfüllt ihre Aufgaben. Und doch beginnt sie zu verkümmern. Nicht, weil ihr etwas fehlt, das andere ihr geben könnten, sondern weil ihr ihre Seelenhaut genommen wurde. Dieses Bild hat sich in mir festgesetzt.
Vielleicht tragen wir alle eine solche Seelenhaut in uns. Vielleicht verlieren wir sie nicht auf dramatische Weise, sondern Stück für Stück – zwischen Terminkalendern, Verpflichtungen und der stillen Erwartung, dass ein gelungenes Leben vor allem ein produktives Leben sein müsse.
Gerade darin liegt für mich die Aktualität dieses Buches. Wir leben in einer Zeit, in der fast alles einen Marktwert bekommen kann. Kreativität soll sichtbar sein. Hobbys sollen sich auszahlen. Selbst Achtsamkeit wird optimiert und Spiritualität vermarktet. Aus alten Ritualen werden Geschäftsmodelle, aus Sehnsucht wird Konsum. Kaum eine Tätigkeit scheint ihrem eigenen Wert genügen zu dürfen.
Estés erinnert an etwas, das unserer Gegenwart beinahe fremd geworden ist: an die Muße. Nicht Freizeit als Erholung von der Arbeit. Sondern Muße als Zustand, in dem der Mensch nichts leisten muss, um ganz bei sich zu sein. Ich frage mich manchmal, ob genau darin Spiritualität beginnt.
Nicht in außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern in einem Tun ohne äußeren Zweck. Im Wandern, bei dem kein Gipfel erobert werden muss. Im Lesen, das keine Erkenntnis beweisen soll. In einem Gespräch, das nicht auf ein Ergebnis zusteuert. Im Nichtstun, das sich nicht rechtfertigen muss.
Vielleicht ist gerade dieses zweckfreie Dasein die eigentliche Form des Widerstands gegen eine Kultur, die den Wert eines Menschen allzu oft an seiner Produktivität bemisst. Während ich das Buch las, wurde mir bewusst, wie privilegiert ich mich inzwischen fühle. Heute empfinde ich die Zeit, die mir selbst gehört, als kostbaren Raum. Nicht als Leerstelle, sondern als Möglichkeit.
Zeit für die Natur. Zeit für Bücher. Zeit für gute Gespräche. Zeit für Gedanken, die langsam werden dürfen. Vielleicht ist genau das meine Seelenhaut. Das Wilde, von dem Estés schreibt, erscheint mir inzwischen auch anders, als ich es zu Beginn des Buches vermutet hatte. Es ist kein romantischer Ruf nach Ungebundenheit und keine Absage an Gemeinschaft. Wölfe leben schließlich nicht chaotisch, sondern in Beziehungen. Das Wilde ist vielmehr jener innere Ort, an dem wir uns selbst nicht verloren haben.
Ein Mensch kann mitten im Leben stehen und dennoch den Kontakt zu diesem Ort verlieren. Und umgekehrt kann jemand allein durch einen Wald gehen und plötzlich das Gefühl haben, wieder ganz bei sich angekommen zu sein. Die Wolfsfrau hat mir keine Antworten geschenkt. Dafür hat sie mir eine Frage hinterlassen, die mich vermutlich noch lange begleiten wird: Woran erkenne ich, dass ich meine Seelenhaut trage?
Vielleicht ist das die größte Stärke dieses Buches. Es erzählt keine Geschichten über Wölfe oder Frauen. Es erzählt von der leisen Sehnsucht des Menschen, wieder dort anzukommen, wo die Seele atmen kann.
