Fragend unterwegs: Woran merken wir eigentlich, dass ein Ort lebt?

Mit dieser Frage fuhr ich in die Keltenwelt Frög. Ich erinnerte mich noch gut an meinen ersten Besuch vor einigen Jahren. Damals hatte mich der Ort tief beeindruckt. Die Grabhügel, die Rekonstruktionen und die Vorstellung, dass hier vor mehr als zweitausend Jahren Menschen lebten, hatten etwas Geheimnisvolles. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich damals intensiv mit Kraftplätzen beschäftigte.

Diesmal war es anders. Die Gräber erzählten zwar noch immer ihre stille Geschichte, doch sie berührten mich weniger als früher. Stattdessen zog es meinen Blick immer wieder in den Wald, der die Keltenwelt umgibt. Dort raschelten die Blätter im Wind, das Licht fiel durch die Baumkronen und zwischen den Wegen entdeckte ich kleine Details: Räucherbündel an einer Hütte, aus Holz gefertigte Mobiles, das keltische Baumhoroskop.

 

 

Mir wurde klar: Nicht die Gräber machten den Ort lebendig. Es waren die Geschichten, die Menschen bis heute weitererzählen. Die Symbole, die sie deuten. Die kleinen Zeichen, mit denen sie dem Ort eine Gegenwart schenken. Vielleicht lebt Vergangenheit nie aus sich selbst. Vielleicht braucht sie Menschen, die bereit sind, sich auf sie einzulassen.

Mystischer und geheimnisvoller Ort: die Keltenwelt Frög
Mystischer und geheimnisvoller Ort: die Keltenwelt Frög

Mit diesem Gedanken verließ ich Frög und fuhr weiter nach Rosegg. Dort geschah zunächst nichts Besonderes. Ich spazierte durch eine Lindenallee, folgte einem Weg bis zur Drau und musste einen Fischer nach der richtigen Richtung fragen. Es war nur ein kurzes Gespräch. Ein paar freundliche Worte, mehr nicht. Und doch fühlte sich dieser Moment lebendiger an als manches, was ich zuvor im Museum gesehen hatte.

 

Vielleicht, weil Lebendigkeit nicht nur in Orten wohnt, sondern zwischen Menschen entsteht. Auf der Heimfahrt schließlich machte mir ein Verkehrsunfall einen Strich durch die Planung. Die Straße war gesperrt, ich musste einen Umweg fahren und landete schließlich in Reifnitz am Wörthersee.

 

 

Ich setzte mich ans Ufer. Keine Ausstellung. Keine Informationstafeln. Keine spektakuläre Sehenswürdigkeit. Nur Wasser, Wind und der Blick über den See. Auf einmal wurde mir bewusst, wie sehr sich mein Blick auf Kraftplätze verändert hat. Früher hätte ich geglaubt, ihre besondere Ausstrahlung sei fest an einen Ort gebunden. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Türkisblau und glasklar: der Wörthersee
Türkisblau und glasklar: der Wörthersee

Vielleicht tragen Orte Möglichkeiten in sich. Aber lebendig werden sie erst in der Begegnung. Wenn uns ein Gespräch überrascht. Wenn uns ein Baum zum Innehalten bringt. Wenn eine ungeplante Umleitung uns an einen See führt, an dem wir eigentlich gar nicht sein wollten.

 

 

Vielleicht liegt die eigentliche Kraft eines Ortes gar nicht in seiner Geschichte oder seiner Landschaft. Sondern darin, dass er uns für einen Moment offen macht für das, was gerade geschieht. Und vielleicht lebt ein Ort nicht allein durch das, was er ist, sondern durch das, was zwischen ihm und uns entstehen kann. Nicht jeder Ort muss uns verändern. Aber jeder Ort gibt uns die Möglichkeit, aufmerksam zu werden.  

Lesefutter*:

Guntram Stoehr: Die Natur als Kraftort. Heilsame Plätze erspüren und ihre Energie erfahren.